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Wie Borkenkäfer die deutschen Wälder immer mehr zerstören

Wie Borkenkäfer die deutschen Wälder immer mehr zerstören

Der Anblick gleicht einem Schlachtfeld. Zwischen abgesägten Ästen, geborstenem Holz und Rinde ragen nur noch Baumstümpfe aus der Erde. Der Boden unter den Füßen knirscht, bei jedem Schritt ist das Knacken toter Äste zu hören. Bis vor zwei Monaten sei hier noch dichter Fichtenwald gewesen, erzählt Ralf Bördner, Leiter des Forstamts Wiesbaden-Chausseehaus. „Ich glaube, am Ende des Jahres werden auch die Fichten daneben nicht mehr stehen“, sagt er und zeigt auf die Bäume am Rand der kahlen Fläche.

Schaut man sich das Netz aus feinen Linien auf der Innenseite der Rinde an, wird schnell klar, wer dafür verantwortlich ist: der gefräßige Borkenkäfer. In normalen Jahren verteidigt sich die Fichte gegen den nur wenige Millimeter großen Schädling, indem sie Harz bildet. Leidet der Baum aber an Wassermangel, ist dieser natürliche Abwehrmechanismus gestört. Wie in den vergangenen beiden Jahren ist es auch diesen Sommer in weiten Teilen Deutschlands zu trocken. Zwar regnet es in vielen Regionen häufiger, auch ist es vielerorts nicht ganz so heiß. Aber die Regenmengen reichen nicht, um bis in tiefere Bodenschichten vorzudringen. Der Boden ist staubig, das Unterholz ausgedörrt. Schädlinge haben leichtes Spiel.

„Die Borkenkäferdynamik ist Wahnsinn“, erzählt Förster Bördner. „Wir machen seit Ende 2018 im Grunde nichts anderes mehr, als den Käfern nachzulaufen.“ Um die Verbreitung einzudämmen, müssen die befallenen Bäume schnell aus dem Wald geholt werden, denn nach sechs Wochen schlüpfen aus den Larven neue Käfer und stürzen sich auf die umliegenden Bäume. Das ist allerdings oft leichter gesagt als getan, vielfach fehlt es an Maschinen und Arbeitskräften, um die Bäume zu fällen. Und selbst wenn es gelingt, das Holz rasch zu entfernen, ist nicht gesagt, dass sich auch ein Abnehmer dafür findet.

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Übersättigter Holzmarkt

Derzeit dauere es meist mehrere Monate, bis das Holz aus dem Wald zum Sägewerk abtransportiert werde, erklärt Bördner. „Viele Kunden sind übersättigt.“ Durch die Stürme und den Schädlingsbefall stieg die aus deutschen Wäldern entnommene Holzmenge in den Jahren 2018 und 2019 im Vergleich zum langjährigen Mittelwert um rund ein Fünftel. Der Schadholzanteil kletterte sogar auf mehr als 50 Prozent.

Zerstörter Wald: Weil Borkenkäfer die Bäume befallen, müssen die Wiesbadener Förster immer wieder Areale abholzen.


Durch die Holzschwemme sind inzwischen auch die Preise am Boden: Wurden Anfang 2019 für die Standardqualität bei Fichten noch bis zu 95 Euro je Festmeter aufgerufen, sind es heute nicht einmal mehr 30 Euro. Gleichzeitig fallen für die Waldbesitzer zusätzliche Kosten an, wenn sie das von Käfern befallene Holz über einen längeren Zeitraum im Wald lagern müssen. Um zu verhindern, dass sich der Borkenkäfer unter der Rinde weiter vermehrt, muss das gestapelte Holz entweder mit Pflanzenschutzmitteln gespritzt oder – darauf setzt auch das Forstamt Wiesbaden – die Rinde mit modernen Erntemaschinen entfernt werden. Zu den Erntekosten von rund 20 Euro je Festmeter kommen dann je nach Vorgehen noch einmal 3 bis 6 Euro obendrauf.

Förster Ralf Bördner leitet das Forstamt Wiesbaden-Chausseehaus


Gewinn bleibe oftmals nicht mehr übrig – sofern sich das Holz überhaupt absetzen lasse, sagt Bördner und deutet auf die zahlreichen Stapel mit Baumstämmen, sogenannte Polter, die den Waldweg säumen. Da sei es auch nachvollziehbar, dass sich Waldbesitzer zunehmend überlegten, ob sie das Holz überhaupt noch ernten und Kosten verursachen sollten, nur damit es dann am Waldrand liege.

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Korbinian Geissler

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