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Schulstart: „Es wird keinen Regelschulbetrieb wie vor Corona geben“

Schulstart: „Es wird keinen Regelschulbetrieb wie vor Corona geben“

In Mecklenburg-Vorpommern ist am Montag die Schule wieder losgegangen, in fünf weiteren Bundesländern ist demnächst so weit. Udo Beckmann leitet den Verband Bildung und Erziehung (VBE). In der parteiunabhängigen Gewerkschaft sind etwa 164.000 Lehrer sowie andere Pädagogen organisiert. Wie sieht der VBE-Chef die Erwartung der Politik, zum Regelbetrieb an Schulen zurückzukehren?

WELT: Herr Beckmann, lässt sich das Versprechen eines annähernd normalen Schulbetriebs halten?

Udo Beckmann: Nein. Es wird keinen flächendeckenden, vollumfänglichen Regelschulbetrieb wie vor Corona geben. Diese Illusion geht auf das Konto der Politik, die etwas als realisierbar darstellt, was selbst bei gleichbleibend niedrigem Infektionsgeschehen nicht umgesetzt werden könnte. Denn bereits vor Corona herrschte akuter Lehrkräftemangel. Die personellen Ressourcen reichen trotz Einstellung von Seiteneinsteigenden und der Reaktivierung älterer Lehrkräfte aus Pension und Rente nicht aus.

Udo Beckmann: “Kein flächendeckender Regelschulbetrieb wie vor Corona”

Quelle: picture alliance / Marius Becker

Zusätzlich werden nun – in den Ländern unterschiedlich – circa fünf bis 15 Prozent Lehrkräfte, die attestiert Risikogruppen angehören, fehlen. Es ist zynisch, wenn die politisch Verantwortlichen, die den Personalmangel an deutschen Schulen durch jahrelange Versäumnisse zu verantworten haben, nun trotz gegenteiliger Faktenlage eine Rückkehr zur Normalität als machbar darstellen. Damit projizieren sie gezielt die Verantwortung für das Nichtgelingen des Regelbetriebs auf die, die es nicht zu verantworten haben, nämlich Schulleitungen und Lehrkräfte.

WELT: Wie sieht das Szenario im kommenden Schuljahr aus Ihrer Sicht aus?

Beckmann: Hier sehen wir die einzelnen Kultusministerien, aber auch die Kultusministerkonferenz in der Pflicht. Wir wissen, dass an vielen Schulen das hoch engagierte Kollegium nun selbst Pläne entwirft; ihre Aufgabe ist das jedoch nicht. Deshalb hatten wir schon vor den Sommerferien gefordert, dass die Kultusministerien verschiedene Szenarien entwerfen müssen, die unterschiedliche Infektionsverläufe und deren Auswirkungen auf Schule mitdenken. Hier wurde kostbare Zeit verspielt, indem allein die Rückkehr zum Regelbetrieb als Ziel formuliert wurde – ohne Schulen klare, auf den realen Gegebenheiten basierende Handlungskonzepte und Alternativszenarien aufzuzeigen und zugänglich zu machen.

Verärgerung bei Bundeselternrat wegen Öffnungskonzepten

Schon im August soll in den meisten Bundesländern der Regelbetrieb in Schulen starten – ohne Mindestabstände und einheitliche Maskenregelung. Der Bundeselternrat zeigt sich vom plötzlichen Kurswechsel irritiert.

Quelle: WELT/Maximilian Seib

WELT: Was meinen Sie genau?

Beckmann: Es ist zum Beispiel unklar, wie ein normalisierter Schulbetrieb unter Berücksichtigung der realen Bedingungen funktionieren kann und soll, also inwieweit beispielsweise mit einer Ausdünnung der Stundentafel oder einem eingeschränkten Betreuungsangebot unterrichtet werden soll. Zudem fehlen von den Kultusministerien entwickelte Handlungspläne zu den Alternativen zum ausschließlichen Präsenzunterricht. Denkbar ist auch der tage- oder wochenweise Unterricht vor Ort und die Bearbeitung von Arbeitsaufträgen für das Lernen zu Hause. Wenn erneut Schulschließungen notwendig werden sollten, brauchen wir auch Konzepte und Kriterien für das eigenständige Lernen zu Hause.

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Der in diesem Zusammenhang viel beschworene rasche Ausbau der Digitalisierung der Schulen ist für mich noch nicht erkennbar. Angesichts steigender Infektionszahlen bin ich sicher, dass das, was bisher an Hygienemaßnahmen zum Schuljahresbeginn beabsichtigt ist, nicht ausreichen wird, wenn die Gesundheit von allen an Schule Beteiligten einem nicht noch größeren Risiko ausgesetzt werden soll.

WELT: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert eine Maskenpflicht in den Schulgebäuden. Die Bundesregierung begrüßt die Pläne einzelner Bundesländer, in der Schule eine Maskenpflicht einzuführen. In NRW soll diese auch im Unterricht gelten. Ist das sinnvoll?

Beckmann: Die Nervosität steigt. Die von NRW eingeführte Maskenpflicht im Unterricht ist das klare Eingeständnis, dass bei der aktuellen Infektionslage nicht einfach auf Abstandsregelungen verzichtet werden kann, ohne den Gesundheitsschutz zu gefährden.

Allerdings müssen auch weitere Alternativen geprüft werden. Das Maskentragen und die Durchsetzung dieser Maßnahme sind schnell gefordert, doch die Umsetzung obliegt dann wieder der Lehrkraft, wird zu einer weiteren Aufgabe. Hier darf sich die Politik nicht zu schnell aus der Affäre ziehen. Täglich kommen wissenschaftliche Erkenntnisse hinzu, so hat das Team um Professor Kriegel an der TU Berlin aufzeigen können, wie wichtig das Lüften ist. Deshalb braucht es gut funktionierende Lüftungskonzepte, Filteranlagen und gegebenenfalls auch CO2-Messungen. Außerdem ist auch über den Schutz durch Plexiglasscheiben nachzudenken.

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WELT: Sind die Lehrer genug eingebunden worden bei den Corona-Plänen für das neue Schuljahr – und sind die Schulen gut genug vorbereitet?

Beckmann: So pauschal kann man das für die 16 Bundesländer nicht sagen. In einigen Ländern hat es besser geklappt, in anderen weniger gut. Fakt bleibt: Die höchste Akzeptanz für die Maßnahmen besteht dort, wo die Expertise der Lehrkräfte und Schulleitungen in die Planungen des Ministeriums und der Schulbehörden einbezogen wird.

Deshalb haben wir seit Beginn der Pandemie – wiederholt, konkret und im Schulterschluss mit anderen Verbänden und Interessenvertretungen – gegenüber der Politik klargemacht, dass wir in dieser herausfordernden Situation jederzeit für die gemeinsame Erarbeitung bestmöglicher Lösungen bereitstehen…

WELT: Aber?

Beckmann: Leider hat sich eben trotzdem gezeigt, dass die Kommunikation vieler Kultusministerien intransparent und die Einbindung der Interessenvertretungen und Schulen unzureichend war und ist. Dies ist umso bedauerlicher, da wir aus internationalen Vergleichen wissen, dass die Bewältigung der Herausforderungen im Schulsystem in den Ländern am besten funktioniert hat, in denen die Interessenvertretungen von Anfang an eng in die Entscheidungsprozesse eingebunden waren.

Lehrkräfte in Deutschland sind vielfach über Nacht mit neuen Plänen konfrontiert und von sich ständig ändernden Vorgaben überrascht worden, ohne ausreichend in die Entscheidungsprozesse eingebunden worden zu sein. Von einer notwendigen Vorbereitungszeit und einem Abgleich mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen an Schule ganz zu schweigen.

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WELT: Ihre Forderungen an die Politik?

Beckmann: Der Gesundheitsschutz muss weiterhin an erster Stelle stehen. Alle Gedankenspiele der Politik müssen sich an der Realität und den zur Verfügung stehenden Ressourcen orientieren. Es braucht klare Rahmenvorgaben mit ausreichendem Handlungsspielraum für die Schulleitung vor Ort. Zudem ist es essenziell, dass es in den Ministerien und Behörden klare Ansprechpersonen für Schulleitungen gibt, um schnell und unbürokratisch Fragen zu klären und Hilfe zu erhalten. Die Interessenvertretungen der an Schule Beteiligten müssen frühzeitig in die Entscheidungsprozesse eingebunden und transparent informiert werden.

WELT: Was beschäftigt Sie noch?

Beckmann: Statt des starren Abarbeitens des Lehrplans braucht es Zeit, um das Erlebte aufzuarbeiten, ohne den ständigen Druck der nächsten Klausur im Nacken zu spüren. Hinzu kommt die Herausforderung, die sehr unterschiedlichen Lernstände zu erfassen und auf ein gemeinsames Niveau zu heben. Dafür braucht es individuelle Förderung, die eine Lehrkraft allein nicht leisten kann. Das gelingt nur mit mehr Personal, zum Beispiel durch den Einsatz von multiprofessionellen Teams, in denen dann Schulpsychologinnen und Sozialarbeiter, Logopäden und Erzieherinnen zusammenarbeiten und die Lehrkraft entlasten können. Außerdem muss es gelingen, Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte schnellstmöglich mit digitalen Endgeräten auszustatten und Lehrkräfte qualitativ hochwertig fortzubilden.

Gleichzeitig verlangt das, was Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler in der Krise geleistet haben und leisten, Wertschätzung. Es ist wichtig, dass sich die Gesellschaft nicht gegen die Lehrkräfte wendet, sondern genauso wütend wird, wie wir es sind, wenn die Politik über die Schulen hinweg Entscheidungen trifft, die nicht eingehalten werden können – und stattdessen Erwartungen weckt, die nicht einzulösen sind.

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WELT: Sind Sie denn wenigstens zufrieden mit der Regelung, dass Lehrkräfte sich regelmäßig testen lassen können?

Beckmann: Die freiwillige Testung ist ein probates Mittel, das subjektive Sicherheitsgefühl der Lehrkräfte zu erhöhen. Schließlich zeigte die von uns beauftragte Forsa-Umfrage, dass sich über ein Drittel der Lehrkräfte „weniger gut“ oder „schlecht“ geschützt fühlten. Lehrkräfte von Grundschulen sagten dies sogar zu 43 Prozent. In derselben Umfrage sagten drei Viertel der Lehrkräfte, dass sie eine freiwillige Testung befürworten würden. Nichtsdestotrotz braucht es natürlich ernsthafte und nachhaltige Bemühungen der Kultusministerien und Schulträger, die Gesundheit aller an Schule Beteiligten mit entsprechenden Maßnahmen zu schützen.

In Mecklenburg-Vorpommern geht der Unterricht wieder los

Während manche Bundesländer gerade erst in die Ferien gestartet sind, geht in Mecklenburg-Vorpommern die Schule wieder los. Eine Maskenpflicht gibt es nicht. Die Lehrergewerkschaft blickt mit Sorge auf den Schulstart.

Quelle: WELT/ Achim Unser

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Korbinian Geissler

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