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BIP: Dieser Einbruch wirft Italien in die Vor-Euro-Ära zurück

BIP: Dieser Einbruch wirft Italien in die Vor-Euro-Ära zurück
Wirtschaft Schlechter als Griechenland

Dieser Einbruch wirft Italien in die Vor-Euro-Ära zurück

| Lesedauer: 4 Minuten

Historischer Wirtschaftseinbruch in Deutschland – US-Wirtschaft schrumpft stark wie nie

An den Börsen überschlagen sich die Ereignisse. Der DAX verliert nach den jüngsten Krisen-Nachrichten 500 Punkte. Die US-Wirtschaft erlebt einen Rekordeinbruch. Wirtschaftsredakteur Dietmar Deffner beobachtet die laufenden Ereignisse.

Die Wirtschaftsleistung des Landes ist mittlerweile geringer als zum Start der Euro-Zone, sprich: Italien hat durch die Währung an Wohlstand verloren. Deutschland hingegen ist ein relativer Gewinner der Krise. Die Zahlen dürften zum Politikum werden.

In diesen Tagen ist viel von historischen Wirtschaftsdaten die Rede. Deutschland erlebt eine Jahrhundertrezession, Amerika den stärksten Einbruch seit 1946. Frankreich verzeichnet den schlimmsten Absturz seit Beginn der Quartalsstatistik vor gut 70 Jahren und die Euro-Zone die tiefste Krise in ihrer noch relativ jungen Geschichte.

In Italien bekommt das Wort historisch sogar eine doppelte Bedeutung. Die drittgrößte Ökonomie der Euro-Zone erlebt mit einem Einsturz der Wirtschaftsleistung 12,4 Prozent nicht nur den stärksten Einbruch seit Jahrzehnten. Die Krise macht die bescheidenen Wachstumszuwächse der vergangenen Jahrzehnte auf einen Streich zunichte und wirft das Land in das vergangene Jahrtausend zurück: Die Wirtschaftsleistung des Landes ist mittlerweile geringer als zum Start der Euro-Zone, sprich: Italien hat von der Einführung des Euro nicht nur nicht profitiert, sondern beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch die Gemeinschaftswährung sogar noch verloren.

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Zwar brach das Bruttoinlandsprodukt von Spanien zwischen April und Juni mit einem Minus von 18,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal noch stärker ein als das des Stiefelstaates. Allerdings hatte Spanien vor dem Ausbruch der Pandemie viel größere Wachstumserfolge verzeichnet. Bevor der Virus die Regierungen zwang, die Wirtschaft ins Koma zu versetzen, lag die Wirtschaftsleistung in Spanien bei 148 Prozent des Euro-Einstiegsniveaus.

Quelle: Getty; Infografik WELT/Jörn Baumgarten

Italien hingegen verzeichnete zwei Jahrzehnte mit nahezu Nullwachstum. Das BIP stand vor dem Ausbruch der Pandemie bei lediglich 109 Prozent des Niveaus von Ende 1998. Nach zwei historischen Minusquartalen in Folge ist das Bruttoinlandsprodukt nun auf 91 Prozent des Niveaus zurückgefallen, dass das Land vor dem Beitritt zur Währungsunion hatte.

Damit steht Italien sogar noch schlechter da als Griechenland, das in der Euro-Krise von 2010 einen historischen Einbruch erlebte. Griechenland hat noch keine Zahlen zum zweiten Quartal veröffentlicht. Sollte das BIP wie von Experten geschätzt um 13 Prozent einbrechen, würde die griechische Wirtschaftsleistung dann auf 92,2 Prozent des Niveaus von Ende 1998 fallen.

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Deutschland hingegen ist in diesem Vergleich der relative Gewinner der Pandemie. Die Wirtschaftsleistung brach hier längst nicht so stark ein wie in Europas Süden. Im ersten Quartal verlor das BIP lediglich zwei Prozent und damit deutlich weniger als in Italien mit -5,4 Prozent oder Spanien mit 5,2 Prozent. Auch im zweiten Quartal kam Europas Volkswirtschaft Nummer 1 mit einem Minus von 10,1 Prozent deutlich glimpflicher durch die Krise als die übrigen großen Euro-Nationen.

Quelle: Getty; Infografik WELT/Jörn Baumgarten

Zwar wurde auch hierzulande ein Großteil des Wachstums der vergangenen Jahre zerstört. Aber die deutsche Volkswirtschaft befindet sich immer noch auf dem Niveau von 2011. Das lag 17,4 Prozent über dem Wert, den Deutschland zu Beginn der Währungsunion auswies. Damit ist die deutsche Wirtschaft in der Euro-Zeit stärker gewachsen als die spanische.

Die Zahlen sind ein Politikum. In Europa dürfte jetzt wieder die Diskussion über Gewinner und Verlierer der Währungsunion in Gang kommen, die nach dem jüngsten EU-Gipfel und den Rettungsmilliarden gestoppt worden war. Das ist umso prekärer, als viele Italiener dem Euro die Schuld für ihre wirtschaftliche Misere geben und sich zuletzt sogar eine Exit-Partei gegründet hat.

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Bisher rechnet die Regierung in Rom in ihrer offiziellen Prognose mit einem Rückgang des BIP von acht Prozent in diesem Jahr. Allerdings hat Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri bereits angekündigt, dass diese Zahl wohl noch nach unten revidiert werden dürfte. Laut der Prognose der EU-Kommission dürfte Italien in diesem Jahr ein Minus von 11,2 Prozent ausweisen – und damit so stark zurückfallen wie kein anderes der 27 EU-Länder.

„Das ohnehin nur dürftige Wachstum der vergangenen Jahre wurde mit dem ersten Halbjahr 2020 auf einen Schlag vernichtet”, sagte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. Der Absturz zieht sich durch alle Bereiche des Wirtschaftslebens. Zwar hat das italienische Statistikamt Istat noch keine detaillierten Zahlen vorgelegt. Nach Angaben der Ökonomen von ING gibt es aber schon jetzt deutliche Hinweise darauf, dass „sowohl die Exporte als auch die Inlandsnachfrage“ ebenso wie alle wichtigen Wirtschaftssektoren zum Rückgang des BIP beigetragen hätten.

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Italien war gerade zu Beginn der Pandemie das am stärksten betroffenen Land in Europa. Die neue Infektionskrankheit hatte sich zu Jahresbeginn ausgerechnet im wirtschaftsstarken Norden des Landes rasant ausgebreitet und das Gesundheitssystem an seine Grenzen gebracht. Seit Februar sind in Italien mehr als 35.000 Menschen an Covid-19 gestorben.

Um die Krankheit einzudämmen, hatte die Regierung in Rom strenge Maßnahmen angeordnet, die weite Teile des Wirtschaftslebens über Wochen hinweg lahmgelegt hatten. Um die Krise zu überwinden, soll Italien nach Angaben von Regierungschefs Guiseppe Conte demnächst 209 Milliarden Euro aus dem gemeinsamen Corona-Hilfsfonds der EU bekommen, darunter Zuschüsse in Höhe von 81 Milliarden Euro, die das Land nicht zurückzahlen muss.

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Korbinian Geissler

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